Bruno Taut (1880–1938):
Architekt der Hufeisensiedlung + Meister des farbigen Bauens


Lebenslauf / Curriculum vitae

Wichtige Bauten

Wichtige Schriften

 

Bruno Taut – Biografie

Bruno Taut (1880–1938) war nicht nur der Hauptarchitekt der Hufeisensiedlung, sondern auch ein vielseitiger und einflussreicher Autor, Lobbyist, Künstler und Gestalter. Als visionärer und stilbildender Chefarchitekt der Wohnungsbaugesellschaft GEHAG setzte er weltweit Maßstäbe im öffentlichen reform- und sozial-orientierten Wohnungsbau des "Neuen Bauens". Neben der Hufeisensiedlung entwarf er noch drei weitere der sechs "Siedlungen der Berliner Moderne", die 2008 gemeinsam zum UNESCO-Welterbe ernannt wurden und heute als Berlins wichtigster Beitrag zur Architekturgeschichte gelten.

In seiner Biografie spiegelt sich in exemplarischer Weise die Ideengeschichte des frühen 20. Jahrhunderts wider. Hierzu zählen auch die Verwerfungen für das kulturelle und intellektuelle Leben, welche durch die beiden Weltkriege und das Erstarken des Nationalsozialismus entstanden: Nach dem Besuch der Baugewerksschule in seiner Geburtsstadt Königsberg (heute Kaliningrad) und ersten Engagements bei Bruno Möhring in Berlin und Theodor Fischer in Stuttgart, gründete er 1909 gemeinsam mit Franz Hoffmann und seinem jüngerem Bruder Max Taut in Berlin die Bürogemeinschaft Taut & Hoffmann. Aufmerksamkeit erregte das arbeitsteilig organisierte Trio besonders mit den programmatisch-kühnen, expressionistisch anmutenden Entwürfen für das "Monument des Eisens" zur Baufachausstellung in Leipzig 1913 und dem "Pavillon der Deutschen Glasindustrie" zur Kölner Werkbundausstellung von 1914, welcher europaweit als gebautes Manifest der Moderne rezipiert wurde. Einen Namen im Siedlungsbau machte er sich durch die 1913 bis 1916 realisierte Gartenstadt Falkenberg, für die der Gartenarchitekt Ludwig Lesser [* s. Anm. oben] die Freianlagen plante. Während der Zäsur des Ersten Weltkriegs erarbeitete der für sozialistische Ideale und das friedliche Zusammenleben verschiedener Kulturen eintretende Taut ein Anti-Kriegsmanifest und verfasste die beiden visionär-utopischen Bildzyklen "Alpine Architektur" und "Die Auflösung der Städte". Von 1921–1924 war Taut dann als Stadtbaurat in Magdeburg tätig und errichtete dort u. a. die Gartenstadt-Kolonie Reform. 1924 kehrte er nach Berlin zurück und widmete sich als leitender und stilbildender Architekt im Auftrag der kurz zuvor gegründeten Wohnungsbaugesellschaft GEHAG [Gemeinnützige Heimstätten-, Spar-, Bau und Aktien-Gesellschaft] vor allem dem Entwurf großräumig angelegter Wohnsiedlungen.

Tauts abwechselungsreiche, mit geschultem Blick gleichwohl aber leicht zu identifizierenden Wohnanlagen setzten nicht nur innovative städtebauliche Akzente, sondern zeichneten sich auch durch eine hohe Wertschätzung der Garten- und Freianlagen aus und verblüffen bis heute mit einer Vielzahl individueller konstruktiver und farblicher Details. In den Folgejahren entstanden mehrere große Mietshäuser, Wohnanlagen und Siedlungen. Allein in Berlin umfasst Tauts Werk damit weit über 10.000 Wohnungen, die heute fast komplett unter Denkmalschutz stehen. Hierzu zählen gleich vier der sechs, 2008 gemeinsam als UNESCO-Welterbe gelisteten "Siedlungen der Berliner Moderne": Die "Gartenstadt Falkenberg" in Treptow-Köpenick, die "Siedlung am Schillerpark" im Wedding, die "Hufeisensiedlung" in Neukölln-Britz sowie die "Wohnstadt Carl-Legien" im Prenzlauer Berg, die in enger Kooperation mit dem Leiter des GEHAG-Entwurfsbüros Franz Hillinger entstand. Eine weitere bedeutende Anlage ist die als "Onkel Toms Hütte" bekannte Waldsiedlung Zehlendorf, für die aktuell ein Ergänzungsantrag bei der UNESCO vorliegt. Speziell in seinen Berliner Siedlungen ist deutlich abzulesen, wie Taut in seinen Entwürfen ganz konkret auch den Paradigmenwechsel zwischen den beiden großen städtebaulichen Leitbildern des Wohnungsbaus des frühen 20. Jahrhunderts voran trieb, indem er die sozialreformerischen und gestalterischen Ideale der Gartenstadt-Bewegung mit der Ökonomie des zeilenbasierten Großsiedlungsbaus vereinte – ohne dabei jedoch je in die Monotonie oder den Schematismus zu verfallen, die dem Typus der Großsiedlungen leider oft anhaften.

Weit weniger bekannt ist, dass Taut in seinen Schriften, auch eine spezielle Form der Innenraumgestaltung propagierte, die sich durch die Verwendung kräftiger Farben, den weitgehenden Verzicht auf Zierrat und Nippes sowie eine zeitgemäße und zweckmäßige Möblierung auszeichnen sollte. Sein Einfluss ging so weit, dass sich damals unter aufgeschlossenen Zeitgenossen sogar eine eigene Redewendung etablierte: So wie wir heute selbstverständlich davon sprechen, etwas zu "googlen", sprach man damals davon, seine Wohnung zu "tauten" – ein Aspekt, auf den auch die Namensgebung unseres Projekts "Tautes Heim" abhebt, in dem wir eben diesen von ihm propagierten Einrichtungsstil ins Werk gesetzt haben und damit – nebenbei bemerkt – auch einen zentralen Vermittlungsgedanken des Deutschen Werkbunds aufgegriffen haben, dessen Mitglieder in vielen Metropolen Europas eigene Schau- und Mustersiedlungen entwarfen.

1930 wurde Bruno Taut zum Professor an der Technischen Hochschule Berlin (heute TU Berlin) berufen. Neben seiner praktischen Arbeit als Architekt verfasste er mehrere Aufrufe und Artikel sowie einflussreiche theoretische Publikationen. Auch war er treibendes Mitglied in verschiedenen Vereinigungen und Avantgarde-Zirkeln. Hierzu zählen etwa die "Novembergruppe", der "Arbeitsrat für Kunst", der Berliner "Zehner-Ring" (später "Der Ring"), die "Preußische Akademie der Künste" sowie der 1906 gegründete "Deutsche Werkbund" – eine einflussreiche Vereinigung einer Vielzahl bedeutender Architekten und Gestalter. Zu seinen Mitgliedern zählten neben Max und Bruno Taut etwa Peter Berherns, Henry van de Velde, Walter Gropius, Hans Scharoun, Erich Mendelsohn, Mies van der Rohe sowie die Gartenarchitekten Leberecht Migge und Ludwig Lesser. Auch startete Taut den "Aufruf zum farbigen Bauen" sowie den einflussreichen Briefwechsel der "Gläsernen Kette".

Auch wenn Taut als Architekt und Stadtplaner stets eine höchst individuelle Handschrift hatte und weitgehend unabhängig von allen geläufigen Dogmen agierte, stand er doch auch immer in engem Dialog mit anderen führenden Protagonisten des "Neuen Bauens" wie etwa J.J.P. Oud und Michel de Klerk in Holland, Erst May in Frankfurt oder auch Hans Scharoun, Walter Gropius, den Brüdern Luckhardt oder seinem – sicherlich wichtigsten Freund und Mitstreiter – Martin Wagner in Berlin. Auch wenn es im engeren Sinne natürlich falsch ist, Bruno Taut als "Bauhaus-Architekt" zu bezeichnen, da er dort nie gelehrt oder gelernt hat, darf er mit der Fülle seiner Engagements und des Einflusses gerade seiner frühen Werke, im erweiterten Sinne doch auch als einer der führenden Vordenker von Gestaltungsprinzipien gelten, wie sie später im Curriculum des "Staatlichen Bauhaus" Anwendung fanden. Er selbst kritisierte jedoch viele Positionen und Entwicklungen der renommierten Designschule. Das kann auch nicht weiter verwundern, da Taut es wie kein Zweiter verstand, die beiden antipodischen Haltungen des berühmten Werkbund-Streits von 1914 (sowie dessen späterem Wiederhall im Zuge des Bauhaus-Umzugs nach Dessau) in seinem Werk zu vereinen: Serielles Entwerfen versus individueller Gestaltungsqualität ist bei Taut kein Gegensatz, sondern Synthese: Allein bei den 679 Reihenhäusern der Hufeisensiedlung müssen bei näherer Betrachtung aller sichtbaren baulichen Details bereits 285 Subtypen unterschieden werden. Bei den Gärten existieren sogar deutlich über 300 Subtypen, so dass hier keine Monotonie aufkommt.

Von den Nationalsozialisten wegen seiner politischen Haltung erwartungsgemäß als "Kulturbolschewist" geschmäht und verfolgt, ging Bruno Taut nach einem kurzem desillusionierendem Aufenthalt in der Sowjetunion ab 1933 endgültig ins ausländische Exil. Während seines Aufenthalts in Japan war er neben dem Entwurf von Möbeln und Gebrauchsgütern vor allem publizistisch tätig und verfasste mehrere, die kulturelle Tradition des Landes mit europäischem Blick würdigende Schriften. Sie fanden auch in Japan höchste Beachtung, schlugen sich aber nicht in konkreten größeren Bauaufträgen nieder. 1936 siedelte Taut – wie vor ihm bereits Martin Wagner – in die Türkei über und konnte dort neben verschiedenen Schulbauten mit der Universität in Ankara und dem Katafalk für Republikgründer Kemal Atatürk noch zwei prominente und prestigeträchtige Aufträge realisieren, bevor er 1938 in Folge eines Asthmaanfalls in seinem Haus in Istanbul-Ortaköy – leider zu früh – verstarb.

 

Weitere Literatur

Weiterführende Informationen finden Sie neben den entsprechenden Einträgen auf Wikipedia auch auf der von uns geplanten und mitentwickelten Website www.hufeisensiedlung.info. Detaillierte Literaturangaben ebenda bei Geschichte/Quellenangaben sowie in unserer hauseigenen Handbibliothek, die für Gäste des Tauten Heims gerne zur Verfügung gestellt wird.

Beide Vermieter, Katrin Lesser und Ben Buschfeld, bieten auf Anfrage auch professionelle Führungen auf Deutsch oder Englisch an und haben auch selbst verschiedentlich zur Hufeisensiedlung publiziert: Wichtige Grundlagenforschung stellen die beiden Denkmalpflegerischen Gutachten zu den Grün- und Freiflächen der Hufeisensiedlung von Katrin Lesser dar. Einen kompakten, auch als Denkmal- und Architekturführer geeigneten Gesamtüberblick über die Hufeisensiedlung und die anderen fünf Berliner UNESCO-Welterbesiedlungen vermittelt das Buch "Bruno Tauts Hufeisensiedlung" von Ben Buschfeld, aus dem - leicht abgewandelt - auch diese Biografie entnommen ist. Eine Wanderausstellung sowie eine zweisprachige Website für Schulen und Jugendliche zu dem Thema der sechs "Siedlungen der Berliner Moderne" ist in Vorbereitung.

Bei Interesse nehmen Sie bitte Kontakt auf.

 



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